Wie Hamburg sein UNESCO-Weltkulturerbe präsentiert

Das Hamburger Kontorhausviertel ist im Jahr 2015 zusammen mit der Speicherstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt worden. hamburg.de schreibt zum Weltkulturerbe Kontorhausviertel (Hervorhebung durch mich):

Das Kontorhausviertel, zwischen Meßberg und Steinstraße gelegen, ist eines der eindrucksvollsten Stadtquartiere der 1920er Jahre in Deutschland.

Die große Choleraepidemie von 1892 war der Anlass, die heruntergekommenen Altbaugebiete der Innenstadt, die „Gängeviertel“, seit 1912 abzureißen und stattdessen das erste reine Büroviertel auf dem europäischen Kontinent zu errichten. Im 2. Weltkrieg blieb es von Zerstörungen weitgehend verschont und besteht vorwiegend aus Bauten der 1920er, 30er und 50er Jahren. Mit seinen Kontorhausblocks und seiner Klinkerarchitektur ist das Quartier ein Wahrzeichen Hamburgs.

Die Mitte der von Fritz Schumacher geplanten städtebaulichen Anlage bildet der Burchardplatz, um den sich in weiterem Kreis das Chilehaus, der Meßberg-, der Mohlen- und der Sprinkenhof gruppieren. Diese Gebäude gehören zu den bedeutendsten Bauten ihrer Zeit und besitzen als Werke von teils international bekannten Architekten der 1920er Jahre hohen künstlerischen Wert.

Das Gebiet des Weltkulturerbes ist auf folgender Karte zu sehen. Unterschieden wird das Welterbegebiet selber (rot) und die Pufferzone (gelb). Die Pufferzone spielt bei der Diskussion um die City-Höfe eine Rolle, wie man auf der Karte erkennen kann. Auch der Deichtorplatz liegt in der Pufferzone. Wäre natürlich schön, wenn dieser überaus hässliche Verkehrsknotenpunkt wegen des Welterbestatus kompakter, schöner und besser für Fußgänger und Radfahrer gestaltet werden würde.

Karte_Weltkulturerbe_Kontorhausviertel_Speicherstadt.png
Karte des UNESCO-Weltkulturerbes „Speicherstadt und Kontorhausviertel mit Chilehaus“ in Hamburg; rot: Welterbegebiet; orange: Pufferzone, Quelle: NordNordWest, dl-de/by-2-0

Anlässlich der Diskussion um Abriss und Neubau der City-Höfe habe ich mir das Kontorhausviertel und den Übergang zur Speicherstadt mal in einem Rundgang genauer angeschaut.

Vorweg: Ich bin erstaunt bis entsetzt, wie der öffentliche Raum rund um diese wunderschönen Denkmäler aussieht und genutzt wird. Der Burchardplatz („die Mitte […] der städtebaulichen Anlage“) ist ein Parkplatz. Kein Park und kein (nutzbarer) Platz. Nein, ein Parkplatz. Für geschätzt etwa 100 Parkplätze wird der gesamte Platz zum toten Raum. Was könnte der Platz zwischen Chilehaus und Sprinkenhof für ein städtebauliches Highlight sein. Leider geht jeglicher Flair durch die Dominanz, ja durch die alleinige monotone Nutzung durch parkende Autos verloren. Aber seht selbst:

 

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Vor den Häusern verbleiben noch recht schmale Fußwege, die sporadisch für Außengastronomie genutzt werden. Für einen Samstagnachmittag war trotz angenehmen Wetters aber nicht viel los, was mich angesichts der Aufenthaltsqualität nicht sonderlich überrascht.

Vor der berühmten Spitze des Chilehauses sieht es nicht besser aus. Der Platz dort (umrahmt von der Südfassade des Sprinkenhofs, der Spitze des Chilehauses, den City-Höfen im Osten und einem Nachkriegsbürogebäude im Süden) hat nicht mal einen Namen. Wozu auch? Es ist ja auch nur ein Parkplatz:

 

Vor dem Chilehaus am Meßberg (und am Meßberghof) begrüßen einen Altglascontainer und die Willy-Brandt-Straße. Über diese verläuft das Welterbegebiet in die Speicherstadt. Der Übergang ist allerdings ausgerechnet für Fußgänger mit einem Umweg über mehrere Ampeln verbunden. Oder mit einer Unterquerung im Tunnel. Nicht gerade das, was man sich vorstellt, um Sichtachsen zu erfahren oder Raumeindrücke von einem Weltkulturerbe zu gewinnen.

 

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Früher lag der Wandrahmsteg (die Fußgängerbrücke über den Zollkanal) in einer Achse mit dem Durchgang des Chilehauses. Früher hat aber auch die Willy-Brandt-Allee diesen Bereich noch nicht raumgreifend durchschnitten und ein direktes Queren aufgrund geringer Verkehrsbelastung war möglich. Hier wäre es besonders schön, wenn die Achse wiederauferstehen würde und Fußgänger mehr in den Mittelpunkt der Verkehrsplanung gestellt würden. Ein attraktiver Übergang zur Speicherstadt würde die beiden Quartiere verbinden und das Welterbegebiet zusammenführen.

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Luftbild von Chilehaus, Meßberghof und Wandrahmsbrücke, etwa 1930, Staatsarchiv Hamburg, Quelle

Zum Abschluss zeige ich noch ein paar Bilder der Umgebung, aus der Pufferzone sozusagen. Der eingangs erwähnte Deichtorplatz macht einem Welterbe auch nicht gerade Ehre, wie die folgenden Bilder zeigen:

 

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Mein persönliches Fazit: Der öffentliche Raum rund um diese Baudenkmäler ist einem Weltkulturerbe nicht würdig. Mit parkenden Autos sind die Flächen deutlich unter Wert genutzt. Dazu kommt, dass der Gesamteindruck des Welterbes deutlich durch die parkenden Autos beeinträchtigt ist. Weitere Fehlleistungen wie Altglascontainer direkt vor dem Durchgang des Chilehauses passen da ins Bild. Der Übergang in das Welterbe Speicherstadt muss dringend überarbeitet werden, um ein zusammenhängendes attraktives Gebiet zu erschaffen.

Ziel sollte z. B. ein autofreier Burchardplatz als Zentrum des Kontorhausviertels sein. Auch der Platz ohne Namen muss deutlich weniger Parkplatzfläche und deutlich mehr Platzfläche erhalten. Neben diversen privaten Tiefgaragen gibt es in näherer Umgebung auch mehrere Parkhäuser. Ein Neubau auf dem Grundstück der City-Höfe könnte weitere kostenpflichtige unterirdische Stellplätze bieten.

Weiteres Ziel sollte m. E. neben der Reduktion der Parkflächen im öffentlichen Raum ein neues Verkehrskonzept sein. Wieso muss der Johanniswall so breit sein? Wieso benötigt der Deichtorplatz eine Einfahrt in das Kontorhausviertel wie ein Autobahnkreuz? Kann der Tunnel unter dem Deichtorplatz ein paar Hundert Meter Richtung Westen verlängert werden, sodass ein attraktiver Übergang in die Speicherstadt geschaffen werden kann? Das heutige Verkehrs“konzept“ sollte hinterfragt werden und auf die Zukunft ausgerichtet werden, so dass ein attraktiver öffentlicher Raum enstehen kann, der zum Verweilen und Erkunden einlädt. Und das sollte in einem UNESCO-Weltkulturerbe doch selbstverständlich sein, oder?

 

 

 

2 Gedanken zu „Wie Hamburg sein UNESCO-Weltkulturerbe präsentiert

  1. Das Kontorhausviertel kann auch ohne den Abriss des denkmalgeschützten City-Hofs vom ruhenden Verkehr befreit werden. So befindet sich unter dem City-Hof eine Tiefgarage mit 260 Stellplätzen (nach der Sanierung). Nach der entsprechenden Globalrichtlinie muss der Investor für einen Neubau nur etwa 195 Stellplätze in der neuen Tiefgarage nachweisen. Zudem kann unter dem geplanten Neubau südlich des City-Hofs eine große Tiefgarage errichtet werden.

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    1. Ja, das ist sicher richtig. Über die Anzahl der Stellplätze kann man sicher auch noch diskutieren. Unter Vorlage eines entsprechenden Konzepts und aufgrund der zentralen Lage wären sicher auch weniger nachzuweisende Stellplätze möglich.

      Der Neubau südlich des City-Hofs wäre ein wichtiger Lückenschluss, falls der Abriss des City-Hofs nicht kommt.

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